Wissenschaftler erläutern komplexe Zusammenhänge des Reizdarmsyndroms

Das renommierte Wissenschaftsmagazin „Nature“ ist eine wöchentlich erscheinende, englischsprachige Fachzeitschrift mit Themen aus vorwiegend naturwissenschaftlichen Disziplinen. Nature war im Jahr 2014 die weltweit am meisten zitierte interdisziplinäre Fachzeitschrift und richtet sich an Wissenschaftler, jedoch machen Zusammenfassungen am Anfang jeder Ausgabe wichtige Veröffentlichungen auch verständlich für die interessierte Öffentlichkeit. Im Mai 2016 widmete sich eine Nature-Spezial-Ausgabe dem „Reizdarmsyndrom“ und zeigte u.a. eine grafische Darstellung aktueller, zusammenfassender Erkenntnisse eines Teams von Wissenschaftlern rund um Prof. Paul Enck, die wir mit freundlicher Genehmigung von Nature hier veröffentlichen.

Diese Übersichtsarbeit erläutert das aktuelle Verständnis der Erkrankung unter Einbeziehung molekularer und genetischer Veränderungen, Mikrobiota (Darmflora), psychologischer und Ernährungsfaktoren.

PRIMEVIEW | Reizdarmsyndrom | Paul Enck, Qasim Aziz, Giovanni Barbara, Adam D. Farmer, Shin Fukudo et al.

DAS KRANKHEITSBILD: REIZDARMSYNDROM

Das Reizdarmsyndrom, oft als RDS abgekürzt, ist keinesfalls selten. Im Gegenteil: Man schätzt, dass rund sieben Prozent der Bevölkerung an einem Reizdarmsyndrom leiden. Das sind in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen. Die Lebensqualität kann spürbar leiden.

Das Reizdarmsyndrom äußert sich in der Regel durch Symptome wie Verstopfung und/oder Durchfälle, Blähungen, Völlegefühl, Bauchschmerzen und Bauchkrämpfe. Nicht alle Menschen mit Reizdarmsyndrom sind in ihrer Lebensführung eingeschränkt. Oft können die Beschwerden so stark ausgeprägt sein, dass sie die Lebensqualität stark beeinträchtigen. In schweren Fällen dreht sich oft sogar fast das ganze Denken um den Darm und das Reizdarmsyndrom. 

Ein massiv ausgeprägtes Reizdarmsyndrom führt zu Einschränkungen im Alltag bis hin zur Angst, das Haus zu verlassen und weitestgehendem Rückzug aus dem sozialen Leben. In der öffentlichen Wahrnehmung galt das Reizdarmsyndrom trotzdem lange Zeit nicht als ernste Erkrankung, sondern mehr als Befindlichkeitsstörung.

Da in der Routinediagnostik keine sichtbaren Veränderungen im Magen-Darm-Trakt nachzuweisen sind, wurden die Ursachen der Krankheit oft als psychisch vermutet oder sogar in den Bereich der Hysterie gerückt. Das hat sich inzwischen gewandelt: Es ist klar geworden, dass das Reizdarmsyndrom eine ernst zu nehmende, organisch verursachte Gesundheitsstörung darstellt, die der ärztlichen Behandlung bedarf.

UNTERSCHIEDLICHE KRANKHEITSFORMEN

Das Reizdarmsyndrom, oft als RDS abgekürzt, ist keinesfalls selten. Im Gegenteil: Man schätzt, dass rund sieben Prozent der Bevölkerung an einem Reizdarmsyndrom leiden. Das sind in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen. Die Lebensqualität kann spürbar leiden.

Das Reizdarmsyndrom äußert sich in der Regel durch Symptome wie Verstopfung und/oder Durchfälle, Blähungen, Völlegefühl, Bauchschmerzen und Bauchkrämpfe. Nicht alle Menschen mit Reizdarmsyndrom sind in ihrer Lebensführung eingeschränkt. Oft können die Beschwerden so stark ausgeprägt sein, dass sie die Lebensqualität stark beeinträchtigen. In schweren Fällen dreht sich oft sogar fast das ganze Denken um den Darm und das Reizdarmsyndrom. 

Je nachdem, welche Symptome vorherrschen, werden verschiedene Krankheitsformen unterschieden: Steht eine Verstopfung im Vordergrund, so spricht der Mediziner von einem Reizdarmsyndrom vom Obstipationstyp. Sind hingegen vorwiegend Durchfälle das Problem, so wird dies medizinisch als Reizdarmsyndrom vom Diarrhötyp bezeichnet. Es gibt aber auch Menschen, die abwechselnd unter Verstopfung und unter Durchfällen leiden. Dann spricht der Arzt von einem Reizdarmsyndrom vom Mischtyp. Leiden Betroffene insbesondere unter Bauchschmerzen und Blähungen ohne auffälliges Stuhlverhalten, so können sie der Krankheitsform Reizdarmsyndrom vom Schmerz- oder Blähtyp zugeordnet werden.

In allen Fällen muss durch geeignete Untersuchungen eindeutig geklärt werden, ob die Beschwerden nicht möglicherweise andere Ursachen haben. In den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaft, welche die offiziellen Empfehlungen für die Diagnose und Behandlung der Erkrankung formuliert, wird deshalb zur Abklärung der Symptome eine Darmspiegelung gefordert. Bei dieser Untersuchung betrachtet der Arzt den Darm über ein sogenanntes Endoskop von innen. Er kann die Darmschleimhaut so direkt auf Veränderungen untersuchen und gegebenenfalls sogar Gewebeproben entnehmen. Diese lassen sich anschließend unter dem Mikroskop genauer analysieren.

Die Diagnose „Reizdarmsyndrom“ wird erst gestellt, wenn diese und weitere Untersuchungen, wie zum Beispiel die Analyse von Stuhlproben, zweifelsfrei belegen, dass keine andere Erkrankung vorliegt. Es wird durch die Diagnostik sichergestellt, dass insbesondere kein Darmkrebs, keine chronisch-entzündliche Darmerkrankung wie etwa ein Morbus Crohn und keine Darminfektion Ursachen der Beschwerden sind.

Behandlung der Beschwerden

Da das Reizdarmsyndrom mit den bisher verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten nicht vollständig geheilt werden kann, richtet sich die Behandlung in erster Linie danach, welche Beschwerden im Einzelfall vorherrschend sind.

Wer vor allem unter Durchfällen leidet, wird Medikamente erhalten, die die Verdauung verlangsamen. Menschen, bei denen eine Verstopfung im Vordergrund steht, werden hingegen Medikamente verordnet, die den Darm in Schwung bringen. Die meisten der bisher verfügbaren Medikamente wirken häufig nur gegen ein bestimmtes Symptom und sind deswegen unzureichend, da beim Reizdarmsyndrom meistens mehrere Symptome gleichzeitig auftreten.

Eine nötige Kombination von Medikamenten muss so ausgewählt werden, dass sich einzelne Beschwerden verbessern, andere jedoch nicht verschlechtern. Neuere Medikamente haben den Vorteil, dass sie gezielter an der gestörten Regulation im Darm von Menschen mit Reizdarmsyndrom ansetzen und diese verbessern.

Neben der medikamentösen Behandlung gibt es weitere Therapiemöglichkeiten. Nicht selten bessert zum Beispiel eine Ernährungsumstellung die Beschwerden. Es ist ferner oft hilfreich zu untersuchen, ob es spezielle Auslöser, sogenannte „Trigger“, gibt, welche die Symptome verstärken. Das kann der Verzehr bestimmter Speisen sein, Stress oder auch ein allgemein unregelmäßiger Tagesablauf. Solchen Auslösern, zum Beispiel durch das Führen eines Ernährungstagebuchs, zusammen mit dem behandelnden Arzt auf den Grund zu gehen, gibt Ansatzpunkte dafür, wie eine Änderung des Lebensstils eventuell zur Besserung der Symptome beitragen kann. Nicht selten hilft hierbei auch schon ein besseres Krankheitsverständnis, also das Wissen, dass eine Krankheit vorliegt, die behandelt werden kann und die die Lebenserwartung nicht beeinträchtigt.